Sonntag, 19. Mai 2019

Fußnoten - Frauen

Ackermann, Victorine, geb. Choquet – Dichterin und Literatin
Angélique – Personal der Familie Adrien Proust
Auguste – Hausangestellte bei Louis Weil.
Augustine – Madame Prousts Zofe
Benardaky, Marie – Dame von Welt und wie Proust schrieb: „Rauschmittel und Verzweiflung seiner Kindheit“. Lieh der Romanfigur der Gilberte Swann eine Reihe ihrer Züge.
Catusse, Marie-Marguerite – Opernsängerin?
Gaillard, Madame - Hausangestellte bei der Familie Proust.
Marguerite – Hausangestellte bei der Familie Proust.
Nuna – Spitzname für Hélène Bessière, geb. Weil – Cousine von Prousts Mutter
Pouquet, Jeanne - Ehefrau des Dramatikers Gaston Arman de Caillavet, Freundin von M.P.
Rodrigues-Ely, Laure – spätere Madame Nathan, weitläufige Verwandte und enge Freundin von Prousts Mutter Jeanne
Nelly – jüngere Schwester von Marie Benardaky
Sand, George - Schriftstellerin
Soutzo, Hélène - ?
Victoire - Personal der Familie Adrien Proust













Anne Borrel

Anne Borrel war von 1987 bis 1999 Generalsekretärin der Freunde von Marcel Proust und stellvertretende Kuratorin der Bibliotheken, Hauptkuratorin der Bibliotheken (Ministerium für Kultur und Kommunikation).
Sie gründete das Marcel Proust International Institute.
Sie ist Autorin mehrerer Bücher, Beiträge, Aufsätze und Texteditionen. Sie veröffentlichte insbesondere Marcel Proust-Schriften der Jugend von 1887 bis 1895 und Marcel Proust-Korrespondenz mit Daniel Halévy.

Fußnoten - Männer

Baignères, Jacques – Sohn von Henri Baignères und dessen Frau Laure,  geb. Boilay, Prousts Schulkamerad
Baju, Anatole – Journalist
Ballet, Gilbert – Neurologe, Kollege von Prousts nVater Adrien
Balzac, Honoré de – frz. Schriftsteller
Banville, Théodore de – frz. Dichter
Boulanger, Georges Ernest Jean-Marie - General
Broca, Paul – frz. Mediziner
Brunetière, Ferdinand - Literaturkritiker
Burgherren von Auteuil – Bezeichnung für Madame Proust und ihre beiden Söhne Marcel und Robert

Chenier, André - Lyriker
Choublier, A. – Autor, Prousts Geschichts- und Geographielehrer am Lycée Condorcet
Corneille, Pierre – frz. Autor
Cucheval-Clarigny, Victor – Prousts Lateinlehrer

Daudet, Alphonse – frz. Schriftsteller
Dauphiné, Monsieur - Französischlehrer
Desjardins, Paul – Journalist, Philosoph und Dichter
Despourrins, Cyprien – Dichter
Dierx, Léon – Vertreter des Parnasse
Dreyfus, Alfred – Hauptmann
Dumas, Alexandre, der Ältere
Dupourquè, Pierre-Aristippe – Arzt, Autor
Dupré, Monsieur – vertrat Gaucher während einer längeren Krankheit

Eugène – alter Kammerdiener

Faure, Félix – Abgeordneter von Le Havre, später Präsident der Republik
Ferré, André – ital. Dichter
France, Anatole – frz. Schriftsteller

Gabillaud, Louis – Publizist, Comicautor, Sänger
Gaucher, Maxime – Prousts Französischlehrer, ersetzte den verstorbenen Maxime Gaucher
Gautier, Théophile – frz. Schriftsteller
Goncourt, Edmond de – frz. Schriftsteller, Literaturkritiker, Kunstkritiker, Buchverleger und Gründer der Académie Goncourt

Habans, Jean-Paul (Paulus) – Kabarettsänger
Halévy, Daniel – frz. Essayist und Historiker, Freund von ProustHuysman,
Joris-Karl – Schriftsteller
Jalliffier, Régis – Autor, Prousts Geschichts- und Geopgraphielehrer

Lemaitre, Jules – Theaterkritiker
Lemerre, Alphonse – Verleger
Lisle, Leconte de – frz. Schriftsteller
Loti, Pierre (eigtl. Louis Marie Julien Viaud) – Marineoffizier und Schriftsteller

Magitot, Emile-Félix – Arzt, Autor
Mallarmé, Stephane - Schriftsteller
Mendès, Catulle -Lyriker, Theaterautor, Romancier
Mignet, Francois – frz. Historiker
Molière – frz. Schauspieler, Theaterdirektor und Dramatiker
Musset, Alfred de – frz. Schriftsteller

Oppenheim, Stany – Theaterdirektor und -kritiker

Parnassiens – Dichtergruppe
Pascal, Blaise – frz. Mathematiker, Physiker, Literat und christlicher Philosoph
Proust, Robert – Bruder

Racine, Jean – frz. Autor
Renan, Ernest – frz. Philologe, Historiker
Rouvier, Maurice – Politiker

Silvestre, Paul-Armand – einer der Vertreter des Parnasse

Thierry, Augustin – frz. Historiker, Autor.

Verlaine, Paul - Lyriker

Weil, Baruch - Architekt
Weil, Georges-Denis – Sohn von Nathé Weil, Onkel mütterlicherseits von M.P.
Weil, Louis – Bruder von Prousts Großvater, also Prousts Großonkel









Antoine Compagnon - Frz. Literaturwissenschaftler und Hochschullehrer
Rey, Alain - Sprachwissenschaftler

Briefpartner von Proust


Faure, Antoinette – Tochter von Félix Faure (Politiker)
Proust (geb. Weil), Jeanne – Mutter
Weil, Adèle, geb. Berncastel - Großmutter mütterlicherseits
Weil, Nathé - Großvater

Briefe von Marcel Proust - Ein Leseprojekt mit Mira

Ich glaube nicht an Briefe, die nicht ankommen...

Marcel Proust



Vor zwei Wochen haben Mira von Literatur zum Nachdenken und zum Nachspüren angefangen, gemeinsam die Briefe von Marcel Proust zu lesen. Dieser schöne zweibändige Schuber ist im September 2016 beim Suhrkamp-Verlag erschienen.

Diese erste umfassende deutsche Briefausgabe mit ihren annähernd 600 Briefen an Freunde, an die Mutter, an Schriftstellerkollegen, Gesellschaftsmenschen, Kritiker und Verleger dokumentiert aus Prousts unzensiert-privater Sicht seine ganze Entwicklung von den frühen literarischen Fingerübungen bis hin zur Vollendung der Recherche. Einleitung, ausführliche Stellenkommentare, Zeittafel, Kurzporträts aller Briefempfänger und Register erschließen die Briefe und damit das faszinierende Panorama einer ganzen Epoche.

Wir lesen immer am Wochenende zehn Seiten und unterhalten uns dann telefonisch darüber. Auf ihrem Blog berichtet Mira über ihre und unsere gemeinsamen Leseerfahrungen.

Um einen Überblick über seine vielen Briefpartner zu bekommen, lege ich uns eine Namensliste an.

Darüber hinaus werde ich auch alle Namen erfassen, die in den Fußnoten auftauchen. Die ein oder andere Person wird sich dann in meinen Kurzbiografien wiederfinden.


Donnerstag, 16. Mai 2019

Cristina De Stefano: Oriana Fallaci – Ein Frauenleben

Du wirst nicht viel Zeit haben, um die Dinge zu begreifen und sie zu erledigen. Die Zeit, die man uns gibt, in dem, was man Leben nennt, ist viel zu kurz. Und so ist es nötig, dass alles in großer Eile geschieht.

Oriana Fallaci war eine interessante Frau - eine Frau, die schon sehr früh erwachsen werden musste, da sie schon als Kind den Krieg miterlebte und im Untergrund arbeitete. Eine Frau, die sich mit ihrer Berufswahl eine Männerdomäne eroberte.

Am 4. September 2006 kehrt Oriana Fallaci nach Florenz zurück. Ihr Neffe begleitet sie auf ihrem Flug. Ihr Krebs ist im letzten Stadium, weshalb sie ein Privatflugzeug nehmen musste. Keine Fluggesellschaft wollte sie als Passagier haben.
Die letzten 50 Jahre lebte sie in New York. Doch zum Sterben möchte sie dahin, wo alles begann. Sie igelt sich auf ihrem Sitz ein und erinnert sich:

Als Oriana Fallaci 1929 in Florenz geboren wurde, war ihrem Leben keine erfolgreiche Karriere vorherbestimmt. Ihre Mutter musste für die Familie des Mannes das Aschenputtel spielen und sie bat ihre Tochter oft: Lerne, studiere, schau dir die Welt an. Und als Oriana 1977 den Ehrendoktortitel am Columbia College in Chicago annimmt, sagt sie in ihrer Dankesrede:

Ich widme diesen Ehrentitel meiner Mutter Tosca Fallaci, die nicht die Universität besuchen durfte, weil sie in einer Zeit, in der arme Frauen nicht studieren durften, arm war und eine Frau.

Oriana bekommt noch zwei Schwestern und viel später, als sie selbst schon erwachsen waren, noch eine Adoptivschwester. Es gab keinen Stammhalter, und so zog Orianas Vater sie wie einen Jungen auf.
Die entscheidende Rolle für ihre spätere Berufswahl spielte ihr Onkel väterlicherseits: Bruno Fallaci. Er gehört der Welt der Schreibenden an, ist mit der Schriftstellerin Gianna Manzini verheiratet und selbst ein erfolgreicher Journalist. Einer seiner Ratschläge, die Oriana immer wieder zitiert: „Vor allem eins: Den Leser NIEMALS langweilen!“
Orianas Kindheitserinnerungen sind eher trauriger Natur. Die Mutter hungert öfter, damit die Kinder etwas in den Magen bekommen. Aber sie sorgt auch dafür, dass man der Familie die Armut äußerlich nicht ansieht. Aus Alt mach Neu war ihre Devise. Und der Vater schreinerte Möbel, nur einen Geschäftssinn hat er nicht – er war eher ein Künstler.

Schon als Kind interessierte sich Oriana für ihre Vorfahren. In einer Truhe gab es jede Menge Andenken an frühere Familienmitglieder. 1944 wird die Truhe samt Haus bei einem Bomenangriff total zerstört. Nur weil Oriana einige Briefe der Vorfahren abschrieb, blieben diese erhalten. Sie hat damals schon begriffen, „dass jedes Ding eine Sprache hat und zu einer Geschichte werden kann – man muss nur gut zuhören können“.
Die Fallacis haben schon immer gegen die Obrigkeit aufbegehrt. Aber um die Politik kümmerte sich der Vater. Die Mutter teilte zwar die Meinung, hatte aber gar keine Zeit, den Kindern zu erklären, warum Mussolini schlecht war. Es war halt so.
Oriana wird ein Kind des Krieges. Diese Zeit hat sich ihr tief ins Gedächtnis eingegraben. „Ich war ein Mädchen, das sich mit Hunger, mit Kälte und Angst auskannte.“ Und sie kämpfte als Kind schon mit ihrem Vater im Untergrund.
Orianas Vater wird denunziert und ins Gefängnis geworfen. Man foltert ihn, sodass sie ihn, als sie ihn endlich besuchen dürfen, gar nicht erkannten.
Nach dem Krieg, Florenz liegt in Trümmern, macht der Vater in der Aktionspartei Gewerkschaftsarbeit. Oriana wurde als einfacher Soldat aus der italienischen Armee verabschiedet. Da war sie 16 Jahre jung.

Das dritte Kapitel hat die Überschrift „Ein Haus voller Bücher“ und ich war ganz traurig, dass es nur acht Seiten hat. Die Autorin lässt Oriana hier eine kleine Geschichte erzählen, die ich unbedingt aufschreiben muss, weil ich sie so schön finde:

Als ich noch klein war, kaufte meine Mutter Wolle im Strang, die sie dann zu einem Knäuel aufwickelte. Den Anfang des Knäuels knotete sie immer um ein zerknülltes Stückchen Papier, ob es nun ein weißes Blatt, ein Stück Zeitung oder eine Quittung aus dem Lebensmittelladen war. Mich brachte die Neugier jedes Mal schier um, wenn ich zusah, wie das Knäuel beim Stricken immer kleiner wurde, weil ich es nicht erwarten konnte zu erfahren, was sie wohl diesmal reingesteckt hatte. War das Knäuel zu Ende, hielt ich das Stück Papier ganz fest und drehte es in meinen ungeduldigen, kleinen Fingern hin und her. Wie gesagt, kam es durchaus öfters vor, dass es nur ein unbeschriebenes Stück Papier war, und in diesem Fall war die Enttäuschung groß. Stand jedoch etwas darauf, gab ich es sogleich der Mama, damit sie es mir vorlas, und lauschte ihr verzückt. Selbst die Rechnung aus dem Kaufladen erzählte mir eine Geschichte.

Was für ihre gesellschaftliche Herkunft eher ungewöhnlich ist, ist, dass Orianas Eltern leidenschaftliche Leser sind. Sie kaufen ihre Bücher auf Raten.
Diese acht Seiten haben es in sich. Ich möchte sie euch am liebsten abschreiben, aber das geht leider nicht.

Oriana verliebt sich nach den ersten Seiten von „Ruf der Wildnis“ von Jack London in den Hund Buck und London selbst war ihr erstes Vorbild. Er ist für sie „der Inbegriff des schriftstellernden Journalisten, in dem sich Neugier und Abenteuerlust mischen“.
Da ihr jedermann sagte, der Beruf des Schriftstellers wäre nur etwas für reiche oder alte Leute, arbeitete sie darauf hin, Journalistin zu werden. Sie weiß, dass sie in diesem von Männern dominierten Beruf besser sein musste als alle anderen und arbeitete akribisch. Arrigo Benedetti, Herausgeber des „Europeo“, sagte zu ihr:

Du musst aufpassen. Du bist gut und wirst dir in unserer Branche keine Freunde machen, weil das alles Primadonnen sind, die einer Frau wenig zugestehen. Genauer gesagt, gar nichts. Tatsache ist, dass du dir einfach alles nehmen musst, ohne darauf zu warten, dass sie es dir geben, und damit wirst du dir nicht viel Sympathie verschaffen.

Und da Florenz zu klein für sie wurde, ging sie für den „Europeo“ nach Rom, wo aber erst einmal eine Zeit des Hungers begann.

Ich hoffe, ich habe Euch neugierig gemacht auf das Leben von Oriana Fallaci.
Nur noch so viel: Oriana Fallaci arbeitete auch für renommierte internationale Zeitungen. Sie berichtete 1956 über den Ungarn-Aufstand und wurde beim Massaker von Tlatelolco durch Schüsse verletzt. Sie interviewte berühmte Menschen, darunter auch Ayatollah Chomeini und schrieb Bücher, die in 20 Sprachen übersetzt und in 31 Ländern veröffentlicht wurden.
Nach ihrer Reise nach Ungarn schrieb Oriana das, was mir heute dauernd durch den Kopf geht:

Wie können wir als Männer und Frauen mit Bewusstsein uns denn noch für die Liebschaften von Filmstars interessieren, für die Skandale der High Society oder für die Filmpremieren, die man im Smoking und tiefem Dekolleté besucht?

Eine absolut interessante Biografie. Mich hat sie so neugierig gemacht, dass ich nun noch etwas Geschriebenes von Oriana Fallaci lesen möchte. „Wir, Engel und Bestien – Ein Bericht aus dem Vietnamkrieg“ und "Die Wut und der Stolz" habe ich mir schon besorgt.

Dienstag, 14. Mai 2019

L. Rostenberg und M. Stern: Zwei Freundinnen, eine Leidenschaft - Unser Leben für seltene Bücher

Welcher Antiquariatsbuchhändler kann heute noch solche Geschichten erzählen? Diese beiden Frauen, beide aus jüdischen deutsch-amerikanischen Familien stammend, haben fast ihr ganzes Leben seltenen Büchern gewidmet.
In dieser Doppel-Biografie erzählen Leona Rostenberg und Madeleine Stern abwechselnd über ihr Leben. Doch vorher berichten sie im Prolog, wie es dazu kam:

Leona Rostenberg und Madeleine Stern (im Weiteren schreibe ich nur Leona und Madeleine) befinden sich 1995 in ihrem für den Sommer gemieteten Landhäuschen in East Hampton, als das Telefon klingelt und sich der Doubleday-Verlag bei ihnen meldet. Die haben einen Artikel über die beiden Frauen in der Times gelesen und fragen nun an, ob sie für den Verlag ein Buch schreiben wollen. Eine gemeinsame Autobiografie etwa. Da das Buch ja erschienen ist (was für ein Verlust, wenn es nicht dazu gekommen wäre), lautete die Antwort nach reiflichen Überlegungen ja.
Im Prolog erfahre ich noch etwas über ihrer beider Herkunft, dass Madeleine schriftstellerisch tätig war und Leona

"die überraschende Entdeckung von Louisa Alcotts Pseudonym und ihrer unter Pseudonym veröffentlichten Sensationsromane"

machte.
Madeleine spürte diese Romane auf und stellte sie zu einer Serie von Anthologien zusammen.

Wunderschön, wie (wer schrieb nun eigentlich den Prolog, hier ist immer von "wir" die Rede) sie ihr Geschäft, den Handel mit seltenen Büchern, beschreiben:

"Es ist ein Geschäft, bei dem Wissen Macht bedeutet und detektivische Fähigkeiten oft eine wichtige Rolle spielen. Das elektrisierende Gespür dafür, was an einer Erstausgabe oder einem frühen Druck besonders bemerkenswert ist, wird in unserer Branche als Fingerspitzengefühl* bezeichnet. Wenn Fingerspitzengefühl* sich mit glücklichem Zufall paart, dann öffnet sich für diejenigen, die mit dem Alten und Seltenen handeln, die Pforte zum Paradies. Leona hat diese Faszination während einer langen Lehrzeit kennen gelernt, und Madeleine hat sie von ihr gelernt. Alle beide sind wir seit einem halben Jahrhundert dieser Faszination erlegen und werden ihr auch weiterhin immer wieder aufs Neue erliegen."

Hach, liest sich das nicht wundervoll?

(Anm. d. Übers.: "Ausdrücke, die im Original auf Deutsch stehen, werden durch * gekennzeichnet.")

Und dann beginnen sie zu erzählen, beginnend bei ihrer Kindheit und immer mit einer Prise Humor. Leona reichte mit zwei Jahren bis zum untersten Regal des Bücherboards, und ihre Mutter prophezeite, dass sie eines Tages eine Schriftstellerin werden würde. Sie liebte Bücher von klein auf und lag ihrer Mutter permanent in den Ohren, in die "Bibothek" zu gehen. Ihre Wahl fiel auf ein "Bilderbuch unserer großen Führer".

"Stolz marschierte ich mit meiner Wahl von dannen, noch immer den muffigen, staubigen Geruch von Büchern in der Nase, ein Geruch, der irgendwie warm, beruhigend und aufregend zugleich war und der mich für immer begleiten sollte."

Auch Madeleine denkt vielleicht schon in Kindertagen daran, eines Tages eine Schriftstellerin zu werden. Zu ihrem 6. Geburtstag schreibt sie:

"Eines der Geschenke, von der Kusine meiner Mutter, war, was ich meine Schatzkiste nannte. Das war eine braune Schatulle, die in Dutzende von Fächern unterteilt war, und in jedem von ihnen fand sich eine Auswahl an Schreibutensilien. Es gab Büroklammern, Kärtchen und Schlüsselringe, es gab Etiketten, Gummibänder und Schreibfedern, es gab alles, wovon eine Schriftstellerin träumen konnte, und vielleicht sah ich mich damals sogar schon als Schriftstellerin. Ich besaß diese Schatulle viele Jahre lang und hielt sie in Ehren."

Sie berichten, wie sie sich kennenlernen und zusammen arbeiten, sich erst gar nicht sooo sympathisch waren, sich wieder trennen, um eigene Wege zu gehen, die im Endeffekt dorthin führen, wo sie sich wieder treffen und ihr weiteres Leben miteinander verbringen. Als Leona eines Tages wirklich nicht mehr wusste, in welche Richtung sie gehen sollte, macht Madeleine ihr ein Geschenk, das ihre Zukunft bestimmt.

Dass ich die meisten alten Buchtitel und Autoren nicht kenne, tat meinem Lesespaß absolut keinen Abbruch. Dieses Buch erhält von mir die höchste Wertung und ist per sofort meine Lieblings-Biografie.

Samstag, 11. Mai 2019

Rutka Laskier - Rutkas Tagebuch - Ausfzeichnungen eines polnischen Mädchens

Aus dem Polnischen von Friedrich Griese
Mit einer Einleitung der Halbschwester Zahava (Laskier) Scherz und einem Nachwort von Mirjam Pressler

In der Einleitung erzählt Zahava (Laskier) Scherz die Geschichte des Tagebuchs.
Als sie vierzehn Jahre alt war, fand sie ein verstecktes Fotoalbum ihrer Eltern. Ein Mädchen, acht Jahre jung, fiel ihr besonders auf, weil es ihr ähnelte. Sie sprach ihren Vater auf dieses Foto an. So erfuhr sie das erste Mal von Rutka und Heniuś, seinen Kindern und seiner Frau Dorka, die im Holocaust umgekommen war.
Im Jahr 2006 erfuhr Zahava, dass ein Tagebuch ihrer Halbschwester Rutka aufgetaucht sei, das 62 Jahre von der jetzt 82-jährigen nichtjüdischen Polin Stanislawa Sapińska versteckt wurde.
Stanislawa kannte Rutka als junges Mädchen. Sie wusste, dass Rutka ein Tagebuch schrieb, sie erfuhr, dass Rutka über den Kriegsverlauf und über das Schicksal der deportierten Juden gut informiert war. Sie ging davon aus, dass Rutka im Untergrund tätig war. Rutka hätte ihr auch gesagt, dass sie den Krieg nicht überleben würde und so vereinbarten sie ein Versteck für das Tagebuch, sodass Stanislawa es später herausholen und aufbewahren konnte.
Das hat auch funktioniert, da Stanislawa nach dem Krieg in Rutkas Wohnung einzog. Ihrer Familie erzählte Stanislawa erst von dem Tagebuch, als sie 80 Jahre alt wurde. Ihr Sohn war der Meinung, dass es in ein Museum gehört und gab es an das städtische Museum. Nach ein paar Nachforschungen kam man so auf Zahava, die sich ihrerseits nun auch auf Rutkas Spuren machte.
Die Polen nennen Rutka "die polnische Anne Frank", viele polnische Homepages berichten über ihr Leben, junge Leute schreiben Gedichte über sie.

Der Vater wollte mit der Familie nach Palästina gehen. Doch der Zweite Weltkrieg durchkreuzte seine Pläne und wie viele andere, hat er die künftige Entwicklung nicht vorhergesehen.
Im August 1943 wurde die gesamte Familie nach Auschwitz deportiert. Seine Frau Dorka, die Kinder Rutka und Heniuś und seine Mutter Dorka kamen sofort in die Gaskammern. Er selbst wurde zu einem Muselmann (ein am Lagerleben zerbrochener Mensch). Wegen seines Berufes kam er noch in das Konzentrationslager Sachsenhausen und musste dort an der geheimen "Operation Bernhard" mitarbeiten. Die amerikanischen Truppen rückten immer näher, die Wachmannschaften und Soldaten flohen, bevor sie alle Häftlinge ermorden konnten.

Der erste Tagebucheintrag von Rutka stammt vom 19.1.43, vier Jahre schon lebt sie in dieser Hölle, wo ein Tag dem anderen gleicht. Sie liest gerne gute, philosophische Bücher, möchte tief in diese eintauchen.

Die ersten Einträge lesen sich wie die eines jungen Mädchens. Sie ärgert sich über Freunde oder Bekannte, geht zum Fotografen, um Bilder von sich machen zu lassen. Sie denkt über ihr Aussehen nach. Hält sich für hübsch, aber auf Bildern schaut sie hässlich aus.
Und plötzlich fragt man sich, ob dies noch dasselbe Mädchen ist, die hier schreibt:

Ich bin schon derart "vollgesogen" von den Gräueln des Krieges, dass die schlimmsten Nachrichten keinerlei Eindruck auf mich machen [...] Was wird das bloß, lieber Gott. Ach Rutka, jetzt bist du wohl ganz und gar verrückt geworden, du rufst Gott an, so als gäbe es ihn. Der Funken Glaube, den ich einmal besaß, hat sich inzwischen gänzlich verloren, wenn es Gott gäbe, würde er bestimmt nicht erlauben, dass man Menschen bei lebendigem Leib in den Ofen stößt, dass kleinen Kindern mit dem Karabiner der Kopf zertrümmert wird oder dass man sie in einen Sack stopft und vergast...

Rutka scheint hin und her gerissen. Sie macht sich Gedanken über ihren ersten Kuss, den sie noch nicht erhalten hat. Über Gefühle, die sie nicht näher beschreiben kann. Halt wie ein junges Mädchen. Dann wieder, wenn sie über die Gräuel des Ghettos berichtet, klingt sie abgeklärt, wie eine Erwachsene. Sie möchte arbeiten.

Kommunistin sein und nicht arbeiten, das passt nicht zusammen.

Wer die polnische Sprache beherrscht, kann Rutkas Tagebuch auch im Original lesen, denn die Seiten sind in diesem Buch mit abgebildet.

Ich höre von immer mehr Menschen: Es ist genug, ich kann nichts mehr hören, lesen oder sehen vom 2. Weltkrieg. Es ist doch schon so lange her.
Miriam Pressler bringt es in ihrem Nachwort auf den Punkt:

Sechs Millionen ermordeter Juden ist eine abstrakte Zahl, so kalt und distanziert wie eine statistische Aufzählung, und je öfter man sie hört, umso geringer wird das Erschrecken. Dabei ist es dieses Erschrecken, das wir unbedingt brauchen, damit wir lernen, Gefahren rechtzeitig zu entdecken und beginnenden Fremdenhass im Keim zu ersticken. Wir dürfen Ereignisse, die vielleicht jedes für sich unbedeutend zu sein scheinen, nicht mehr vernachlässigen, wir müssen auch die möglichen Folgen bedenken. Deshalb ist es notwendig, auch ein so kurzes, fragmentarisches Tagebuch eines unbekannten jüdischen Mädchens zu veröffentlichen, das zum Opfer von Ausgrenzung und Verfolgung wurde.

Miriam Pressler bringt uns Rutka in ihrem Nachwort noch einmal ganz nahe. Und wie Miriam Pressler, wünsche auch ich diesem Büchlein noch sehr, sehr viele Leser. Damit nichts vergessen wird. Damit wir uns immer erinnern.